Datensicherung für Anfänger …

… oder: Wie ich einmal beinahe zur Heldin in meiner eigenen Geschichte geworden wäre.

NaNoWriMo, der: National Novel Writing Month, im Volksmund auch November. Bringt Leute auf der ganzen Welt zusammen, die aus irgendeinem Grund in den 30 Tagen des Novembers 50000 Wörter bzw den Erstentwurf eines kompletten Romans schreiben wollen. Es ist knackig, aber mit guter Planung sehr gut zu schaffen.

Zur guten Planung gehört natürlich auch, dass man seine Daten regelmäßig sichert. Das kam sogar als Tipp in den NaNo-Maills, die ich irgendwann nur noch gelöscht habe, da ich vor lauter Mails nicht mehr zum Schreiben gekommen bin.

Ja, natürlich weiß ich, dass man das machen soll. Aber jeden Tag? Hab ich Zeit? Hab ich nicht auch noch was anderes zu tun? Außerdem bin ich Godmother nicht nur of Überarbeitung, sondern auch of procrastination. Kann doch meine Datensicherung auch noch morgen machen.

Da nutze ich meine Zeit doch lieber zum Schreiben. Ich hab geplant, ich hab eine tolle Geschichte, ich bin super. 1667 Wörter pro Tag? Fresst meinen Staub, Freunde. Ich habe mich – Schreibrausch sei Dank – bei 3000 Wörtern am Tag eingependelt und bin stolz wie Oskar. Der 17. November würde mein Tag sein, denn 3000 x 7 macht bekanntlich 51000. Tschakka! So leicht und luftig wurde noch nie ein NaNoWriMo gewonnen, zumindest nicht von mir!

Am 16. November klappe ich abends gut gelaunt bei 48000 Wörtern meinen ollen Läppi zu. Ja, die olle Mühle tut noch, mal gucken, wie lange noch. Aber is egal, der neue Läppi ist schon da. Ich müsste ihn halt mal aufsetzen. Aber ich habe keine Zeit für den neuen Läppi und keine Zeit für eine Datensicherung. Ich muss schreiben.

Der 17. November ist ein kalter, klarer, sonniger Tag, ein Tag voller Versprechungen. Ich habe sechs Stunden Chorprobe hinter mir und komme platt, aber glücklich heim. Jetzt nochmal eben die restlichen 2000 Wörter in die Tastatur kloppen, und der NaNo-Sieg ist mein.

Töchterlein kommt. Sie singt ebenfalls beim Konzert mit und lässt sich von mir zeigen, was wir geprobt haben. Wir lauschen ein, zwei Minuten auf youtube, da passiert es.

Alles bricht ab. Der Bildschirm wird blau und meldet: „Auf Ihrem PC ist ein Problem aufgetreten :(“ (ja, der Smily war dabei, tröstet aber auch nicht.)

Neu starten. Alles nicht so wild, man weiß ja, mit welchem Betriebssystem man es zu tun hat. Die Kiste verkündet mir, dass sie die automatische Reparatur vorbereitet. Das macht sie ziemlich umständlich, genau wie ihre Diagnoseerstellung. Ich hab ja auch sonst nichts zu tun.

Wieder der blaue Bildschirm. Hm. PC ausschalten. Wieder einschalten. Selbes Spiel wie vorher.

Ich probiere alle Optionen durch, die ich irgendwo finden kann. Nichts hilft.

Immerhin habe ich die Geistesgegenwart, die Fehlermeldung, die zwischendrin mal aufpoppt, abzuschreiben. Es handelt sich um den Fehler 0xc000021a, eine Nummer, die ich im Laufe des Abends noch leidenschaftlich hassen lernen werde.

Ich brauche ein Medium, von dem aus ich booten kann. Da das DVD-Laufwerk beim alten Läppi längst hinüber ist, bleibt wohl nur die Option USB-Stick. Nach längerem Suchen finde ich noch einen in meinem Stifteköcher im Arbeitszimmer und muss mich fragen lassen, warum ich ausgerechnet da drin ausgerechnet einen USB-Stick aufbewahre. Für solche Situationen hier, Amigos!

Jetzt muss der neue Läppi ran. Ich verschanze mich in meinem Arbeitszimmer und bin für Mann und Kinder nicht mehr zu sprechen. Ersterer hatte klugerweise ohnehin vor, den Abend aushäusig zu verbringen, wohingegen letztere meine Anweisung zunächst eher als einen nur theoretisch zu befolgenden Vorschlag interpretieren.

Ich gehe auf die Microsoft-Seite und erstelle einen bootfähigen USB-Stick. Das dauert natürlich.

Inzwischen durchforste ich das Internet nach der Fehlernummer. Die meisten Ratschläge laufen entweder auf das raus, was ich sowieso schon durch habe, oder darauf, den Rechner platt zu machen und neu aufzusetzen, Datenverlust inklusive. Die „Eigenen Dateien“ könne man eventuell noch retten. Tja, und jetzt ratet mal, wer nie auf die Idee käme, den Ordner „Eigene Dateien“ zu benutzen. Dazu bin ich viel zu arrogant, ich mach mir meine eigene Dateistruktur und lass mir nicht von dem blöden Ding vorgeben, wohin ich was zu speichern hab. Schließlich kenn ich mich aus mit IT!

Nützen tut mir das alles nichts. Es geht um die verdammten Daten, Dummköpfe! Ich fräse mich durchs halbe Internet, schaue ein Dutzend youtube-Videos und komme nicht vom Fleck.

Inzwischen ist der Stick dann endlich fertig. Aufatmen. Ich schiebe den Stick in den alten Rechner und versuche, vom Stick zu booten. Das System fragt mich, ob ich Windows neu aufsetzen will. Nein, will ich nicht. Andere Möglichkeiten bieten sich mir nicht.

Ich wollte booten und nicht neu aufsetzen! Ich wollte an mein Geraffel dran!

Wieder bemühe ich die Tube und finde ein Video aus England, in dem jemand erklärt, was man mit der Eingabeaufforderung alles machen kann, um den oder die Fehler zu finden. Mach ich alles. Bei mir geht das nicht ganz so reibungslos vonstatten wie im Video, aber vielleicht findet sich ja so die Ursache.

Was mach ich nun mit meiner freien Zeit? Eigentlich gings ja um den NaNo. Lustlos öffne ich in Ermangelung von Word, Papyrus oder anderen Schreibprogrammen auf dem neuen Läppi einen Editor und fange an zu schreiben. Ich weiß nicht mehr genau, wo ich war, ich weiß auch nicht, ob das hier noch Sinn hat. Aber ich schreibe. Wenigstens ein bisschen.
Die Kinder kommen. Wir schauen ein paar youtube-Videos und vergessen die Zeit.

Irgendwann wird sich der alte Läppi schon melden.

Der meldet sich auch, aber nicht so wie erwartet. Da er nicht am Stromnetz hängt, verabschiedet sich irgendwann der Akku.

Das ist nicht gut. Das ist GAR NICHT gut.

Panisch greife ich mir den alten Läppi und hänge ihn an die Stromversorgung. Hoffentlich geht da noch was.

Ich drücke auf den Startknopf. Das Toshiba-Logo kommt. Immerhin.

„Automatische Reparatur wird vorbereitet“, sagt das System. Und dann wird der Bildschirm schwarz.

Schwarz im Sinne von „ich hab grad nix zu tun hier“, nicht im Sinne von „Bildschirm kaputt“.

Wieder googeln. Schwarze Bildschirme hat man offensichtlich nur, weil der Bildschirm kaputt ist, aber nicht, weil die Kiste einfach die Arbeit einstellt. Ich weiß nicht, wie oft ich das blöde Ding abschieße und neu zu starten versuche, ich zähle nicht mehr mit.

Wie verdammt nochmal komme ich an die Daten?

Ich könnte die Festplatte ausbauen. Allein, mir fehlt die Hardware. Media Markt hat schon zu, es ist immerhin schon nach Mitternacht.

Ich gebe „Datensicherung schwarzer Bildschirm“ ins Suchfenster bei Google ein und bekomme als ersten Treffer die Seite von Chip angezeigt. Freunde, ihr habt mir schon so oft den Hintern gerettet, lasst mich jetzt bitte nicht hängen!

Sie lassen mich nicht hängen. Knoppix heißt die Lösung, mit der ich hoffentlich an meine kostbaren Daten komme.

Knoppix ist ein Linux-Ableger, der wohl genau für solche Zwecke entwickelt wurde und der mich heute retten soll.

Ich ziehe mir die Software auf den neuen Rechner

In der Zwischenzeit schaue ich nach, wieviele Wörter ich noch aus der Datensicherung und sonstigen Quellen von meinem NaNoWriMo-Projekt auftreiben kann. Es sind etwa 10000.

Das heißt, 38000 wären weg.

Mir ist zum Heulen. Knoppix, bitte lass mich nicht im Stich!

Der Stick hat 16 GB freien Speicherplatz, die Software ist 4,4 GB groß. Müsste also passen.
Passt nicht. Windows-Explorer sagt, dass die Datei zu groß ist für den auf dem Stick vorhandenen Speicherplatz. Kommt zu mir, meine Lieben, ich bringe euch Rechnen bei.

Also nochmal runterladen, dieses Mal direkt den Speicherort angeben. Jetzt klappt es.

Jetzt muss ich ihn nur noch dazu bringen, dass er vom Stick aus startet.

Ich probiere, ESC, F1, F2, F8 und ENTF, um ins BIOS zu kommen. No Way. No Way.

Google sagt, dass es bei Toshiba-Laptops aus meiner Serie F12 ist. F12 tut. Ich atme tief durch.

Der Stick steckt und wird auch erkannt.

Ich befehle dem Rechner, vom Stick aus zu starten.

Nichts passiert.

Ich denke an die 38000 potenziell verlorenen Wörter, möchte immer noch heulen und gehe erneut ins BIOS. Dort ändere ich die Startreihenfolge fürs Booten, ab sofort kommt der Stick zuerst.

Wieder erfolglos.

Hab ich den Stick falsch bespielt? Ich schaue nochmal nach bei Chip und auch bei Heise.

Nein, ich habe den Stick richtig bespielt.

Das blöde Ding WILL einfach nicht.

Irgendwie, ich weiß nicht wie, ist der blaue Bildschirm dann doch wieder da. Mit grimmiger Verachtung rufe ich das Video des Engländers nochmal auf, stelle sicher, dass der alte Läppi am Stromnetz hängt und lasse das Kommando, das vorhin nach zwei Stunden Laufzeit Opfer des Akkus geworden ist, nochmal laufen.

Es ist vier Uhr in der Nacht, und ich gehe ins Bett und male mir aus, wie die Geschichte wohl weitergeht.

Ich werde vermutlich die Daten nicht retten können. Wenn ich jeden Tag dreieinhalbtausend Wörter schreibe, kann ich den NaNo noch gewinnen. Mein Gerüst habe ich ja noch. Aber will man so gewinnen? Und was kommt noch alles dazwischen?

Mir wird bewusst, dass ich gerade selbst mitten in einer Geschichte bin. Werde ich es schaffen, meine Daten zu retten und den NaNo zu gewinnen, oder sind all die tollen 38000 Wörter verloren? Und wann werde ich es schaffen? Wahrscheinlich taucht am 30. November abends um zehn Uhr nach heldenhaft abgezweigten weiteren 38000 Wörtern eine Möglichkeit auf, an die Dateien ranzukommen und das Ding noch zu gewinnen. Es wird ein Wettlauf gegen die Zeit. Eins der Kinder übergibt sich, der Mann hat schlechte Laune, ich bekomme Schwielen an die Finger, whatever. So gehen solche Geschichten doch immer aus.

Man muss nur das wahre Leben nehmen und eine Geschichte drumherum stricken.

Aber heute ist erst der 18., und das wahre Leben ist dann doch nicht ganz so dramatisch.
Pfeif auf Knoppix. Ich frage meinen Mann, was ich wohl falsch gemacht habe. Wir gehen es durch und stellen fest, dass ich nichts falsch gemacht habe.

„Es funktioniert hat nicht immer so gut, wenn man von einer CD oder einem Stick bootet“, sagt mein Mann. Toll. Hätteste mir mal gestern sagen sollen.

Missgelaunt gehe ich Zähneputzen.

Und dann kommt mir die Erleuchtung.

„Diese Eingabeaufforderung da“, sage ich zu meinem Mann, „das ist doch wie eine DOS-Oberfläche. Oder nicht?“

„Doch.“

„Dann müsste die doch auch eigentlich DOS-Befehle entgegennehmen können. Damit müsste ich doch dann die Daten auf den Stick kriegen.“

Mein Mann schüttelt zweifelnd den Kopf. „Dazu müsste er den Stick aber erstmal erkennen. Aber du kannst ja die Laufwerke durchprobieren.“

Ich probiere die Laufwerke durch. Der Stick wird erkannt. Meine Dateien ebenfalls.

Ach, gutes altes DOS! Deine Befehle hab ich seit ungefähr 25 Jahren nicht mehr benutzt, aber wozu gibt es das Internet, wenn nicht dafür, Zeug zu dokumentieren, das heutzutage eigentlich kein Mensch mehr braucht?

Wie man in Verzeichnissen rumlaviert, weiß ich noch. Wie man kopiert auch, genauso wie man kontrolliert, dass das Zeug auf dem Stick gelandet ist.

Aber wie glücklich einen das machen kann, das wusste ich noch nicht. Es zahlt sich eben doch aus, ein bisschen Lebenserfahrung und ein bisschen nutzloses Wissen zu haben.

Und die Moral von der Geschicht: Vergesst das Datensichern nicht!