Von Perfektionismus, Momentaufnahmen und Streckbänken

Gehörst Du zu denen, die den Erstentwurf für ein Buch schreiben und den dann gleich raushauen? Dann beneide ich Dich jetzt mal eine Runde für Deine Unbekümmertheit. Und hoffe gleichzeitig, dass Du in der Minderheit bist, denn:

The first draft of anything is crap. Hat schon Hemingway gesagt. Und er hatte recht.

Der Erstentwurf ist immer, immer, immer suboptimal. Wenn man ihn mal eine Weile liegen lässt, dann erkennt man das in der Regel auch. Ich habe seinerzeit den Fehler gemacht, meinen Erstentwurf gleich schon mal ein paar Testlesern in die Hand zu geben, die ihn mir glücklicherweise schonungslos auseinandergepflückt haben. Nach ein paar Wochen las ich mir die Erstversion erneut durch und schämte mich. Wer hatte diesen Müll geschrieben? Ich etwa?

Also überarbeiten. Wieder liegen lassen. Wieder doof finden. Wieder überarbeiten. Ab hier nach Belieben wiederholen.

Moment mal, nach Belieben?

Hier zeigt sich nämlich möglicherweise irgendwann das genaue Gegenteil vom Zu-Früh-Rausbringen, nämlich eine Art von Perfektionismus, die einen völlig lähmen kann. Ich kenne auch den einen oder anderen, der aufgrund dieses Perfektionismus keinen Erstentwurf fertig bekommt, weil er zwischendrin schon überarbeitet und nicht damit leben kann, dass eine Erstversion nun mal suboptimal sein darf.

Aber auch, wenn die Erstversion fertig ist, kann man ungefähr zweihundertfünfunddreißig Überarbeitungsrunden drehen und findet bei der zweihundertsechsunddreißigsten immer noch was, woran man schrauben muss.

Ich selbst bin da übrigens keine Ausnahme. Es ist kein Zufall, dass ich von der Erstversion bis zur Veröffentlichung so ewig lange gebraucht habe und zwischendrin mehr als einmal das Bedürfnis verspürt habe, einfach alles in die Tonne zu kloppen. (Hätte ich vermutlich auch gemacht, wenn ich nicht so heillos verliebt gewesen wäre in meine Figuren.)

Wie kommt man nun aus der Nummer wieder raus? Indem man sich zwei Dinge klar macht:

Erstens: Schreiben ist ein lebenslanger Lernprozess. Es gibt niemanden (niemanden!), der auf Anhieb perfekt schreiben kann. Solange man schreibt, lernt man dazu. Und das ist auch gut so. Wäre ja schlimm, wenn man gleich bei der ersten Veröffentlichung so schreibt, dass man sich nicht mehr verbessern kann!

Versteht mich nicht falsch: Das heißt NICHT, dass man sein Zeug raushauen soll, sobald man die erste Version fertig hat. Man soll schon zusehen, dass man sein Bestes tut. Aber man sollte auch akzeptieren, dass man noch nicht perfekt ist.

Einer meiner Schreibfreunde hat mir dazu mal einen tollen Satz mitgegeben, an dem ich mich seither festhalte: „Es ist eine Momentaufnahme. Es ist das, was ich jetzt kann.“ Und ich darf mich weiterentwickeln und in Zukunft auch mehr können!

Zweitens: Ein Buch rausbringen kostet zumindest dann, wenn man nicht gerade mit einem vollkommen geschlossenen Pseudonym schreibt, möglicherweise eine gewisse Überwindung. Zumindest bei mir war das so. Allein bei dem Gedanken daran brach mir zeitweise der kalte Schweiß aus. Ich fühlte mich, als würde ich mich im vollen Bewusstsein meiner geistigen Kapazitäten freiwillig nackt auf eine öffentliche Streckbank legen, für die ganze Welt zum Begaffen freigegeben. Wie verrückt kann man eigentlich sein?

Nein, nein, nein, da überarbeite ich doch lieber noch ein bis fünf Runden, bevor ich öffentlich blankziehe. Nachher sehen die Leute noch, dass ich nicht perfekt bin, und dann?

Aber dieses Gefühl wird auch nach fünf Runden nicht besser. Im Gegenteil. Es wird schlimmer, weil man so noch mehr Zeit hat, sich verrückt zu machen, dass man der Perfektion einfach nicht näher kommen kann.

Man muss es nicht. Man kann es nicht. Man wird es nicht.

Und deshalb ist es viel besser, wenn man versucht, einfach gut zu sein und nicht perfekt.

Das Gefühl des Blankziehens gehört nun mal einfach dazu. Man will eine Geschichte erzählen. Man will sie mit seinen eigenen Worten erzählen. Wie soll das gehen, wenn man dabei nicht auch ein Stück seiner eigenen Gedankenwelt offenbart?

(Wenn einem das gar zu unangenehm ist, kann man ja immer noch zu einem geschlossenen Pseudonym greifen.)

Wann ist aber jetzt der richtige Zeitpunkt, ein Buch rauszubringen? Das sieht natürlich auch wieder jeder anders, aber meine Empfehlung wäre folgende: Wenn man das Buch nach einer Überarbeitung eine Weile liegen lässt, dann erneut liest und es immer noch gut findet und feststellt, dass man nichts mehr daran verbessern kann, dann ist der Zeitpunkt für die Testleser und fürs Lektorat gekommen. Und danach kommt dann der restliche Feinschliff, und dann: Raus mit dem Ding!

Übrigens: Auch dieser Artikel ist alles andere als perfekt. Ich hab ihn trotzdem veröffentlicht. War gar nicht schlimm.

(Bild: pixabay)